9: Vergeben, Verzeihen ...
Obwohl ich selber noch nie in Therapie war, habe ich jahrelang meine Zeit mit
Therapeuten, Beratern und Coaches verbracht. Und die haben halt so ihre Ideen,
und was ihnen so beigebracht worden ist, und können halt nicht anders, als ihre
Religion zu zitieren.
„Du mußt dich mehr lieben," sagen sie zu mir.
„Du mußt lernen, zu vergeben, zu verzeihen."
„Du mußt deinen Ärger bearbeiten ..."
Ich frage dann, „WIE?„
Na, und dann hört man jede Menge von Gemurmel und Gerede, und dies und das,
und oft haben die gar nicht gemerkt, das ich schon lange nicht mehr im Raum bin
...
Eines schönen Tages bin ich am Aufräumen. Hinter einem Schrank finde ich ein
Photo, ich weiß gar nicht, was das ist, wo das hergekommen ist.
Ich hebe es auf und drehe es um.
In der gleichen Nanosekunde, wo ich sein Gesicht sehe und ihn erkenne,
schießt mir heiße Glut in die Brust, ich gehe in die Knie und die Tränen stürzen
horizontal aus den Augen.
Es ist nur eine Energie. Gottverdammt, es doch nur eine Energie. Das ist
alles so lange her, das ist alles vorbei, er ist hier nicht mehr, war schon seit
Jahren nicht mehr hier, er gehört in die Vergangenheit.
Und diese Gefühle, die sind NUR ENERGIE, NUR ENERGIE, NUR ENERGIE.
Langsam konnte ich wieder anfangen, zu atmen, tief durchzuatmen, und mich
richtig auf den Boden zu setzen, mit dem Photo in Hand. Ich habe es dann
vorsichtig vor mir auf den Teppich gelegt, und beide Hände aufs Herz gelegt,
genau da, wo der große Schmerz saß. Das sind meine heilenden Hände, meine
Energiehände. Der Schmerz, den ich fühle und dieser furchtbare Druck im Kopf, da
steht keiner mit einem Stiefel auf meiner Brust, da drücken keine großen Hände
mein Gehirn, als ob sie es zerquetschen wollten.
Das ist alles vorbei, und jetzt ist es nur noch Energie, Energieverletzungen,
Energiewunden, und ich kann das mit meinen eigenen heilenden Händen endlich
wieder in Ordnung bringen.
Was immer da auch verletzt war, was immer da auch zerstört worden ist, mache
es heile, mach es gut, repariere es und mach es wieder so gut wie neu ...
Und ganz langsam, unter meinen warmen Händen, fühle ich ein erstes Auftauen,
eine erste Bewegung, nach all der langen Zeit, und ich muß noch mehr weinen,
aber diese Tränen sind klar und sauber, sie helfen mit, das endlich wegfliessen
zu lassen.
Ich lasse sie einfach fließen und konzentriere mich auf die Gefühle im
Herzen, wo die Energie langsam anfängt, zu steigen, in zwei langsamen Kanälen
auf meine Schultern zu, über meine Schultern und dann in einer V Formation auf
das Steissbein zu.
Fließ weiter, fließ frei. Es ist nur Energie, und Energie muß fließen. Herein
und heraus. Wie das Atmen, Einatmen und Ausatmen. Du hältst den Atem an und das
Leben ist vorbei ...
Langsam, langsam reduziert sich der Druck in meinem Kopf, und mein Denken
wird klarer, feiner, weiter.
Ich kann wieder atmen, ich kann wieder denken, und ich fühle mich sehr ruhig,
sehr meditativ. Da ist das Bild, und es ist doch nur ein Mann, den ich mal
gekannt habe, mit dem ich sehr viel erlebt habe.
Ich weiß nicht, ob er noch lebt oder wo er ist, aber das ist egal.
Ich hoffe, das es ihm gutgeht, wo immer er auch ist.
So sitze ich in meinem Wohnzimmer auf dem Fussboden, mit den Händen noch auf
meinem Herz, und kann nicht glauben, daß an diesem schönen Morgen ein Wunder
geschehen ist, und ich uns beiden endlich verzeihen konnte.
Wenn man einem Hund auf den Schwanz tritt, dreht er sich um und schnappt nach
dem Fuß oder dem Bein, das ihm weh getan hat.
Das ist natürlich. Ganz selbstverständlich, ganz natürlich.
Nun sind wir mit dem Hund zum Tierarzt gegangen, und der hat den Schwanz
schön geflickt und eine Bandage herumgemacht, und wir sagen den Kindern, „Nun
seht zu, das ihr mit dem Hund vorsichtig seit, solange er noch die Bandage hat.
Passt auf, das ihr da nicht dranstößt, denn das tut ihm sehr weh und ihr könntet
gebissen werden!„
Und genauso ist das mit den Menschen auch. Irgendwann hat mir halt mal jemand
„auf den Schwanz getreten„, nur das ist nie bandagiert worden, nie geheilt
worden. Einer kommt und fasst das an, oder rührt darin herum, und dann beiße
ich, um mich zu verteidigen oder einfach nur im Reflex, weil es mir halt weh
tut.
Menschen, die viel ärgerlich oder traurig werden, haben halt solche Wunden.
Wenn sie sie noch fühlen können, und es nicht geschafft oder nicht gewollt
haben, sich in ein Schneckenhaus aus Schutzschildern zu verziehen und gar nichts
mehr zu fühlen, dann reagieren sie mit Wut oder Tränen, und sie können einfach
nicht damit aufhören, niemals und genau solange nicht, bis ENDLICH DIE WUNDE
GEHEILT WIRD.
Dann tuts nicht mehr weh, dann herrscht schöner Frieden.
Und dieser Zustand vom klaren, sauberen, ruhigen Frieden ist der Zustand des
Vergebens, des Verzeihens.
Das kann man halt nicht „machen".
Das kann man nur „erreichen" wenn die Wunden endlich geheilt sind.
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